literarische stadtrauminstallationen

    marc mer

 

    s t a d t r a u m t e x t e   |   lesest├╝cke auf zeit f├╝r den urbanen passagier
     

 

    der b├╝rger duldet nichts unverst├Ąndliches im haus.1 _ m├Ądchen dachten mit einem l├Ącheln an die vorige nacht und legten ihre b├Ąnder zu eroberungen auf der n├Ąchsten gro├čen stra├če zurecht.2 _ der etui-mensch sucht seine bequemlichkeit, und das geh├Ąuse ist ihr inbegriff.3 _ das innere des geh├Ąuses ist die mit samt ausgeschlagene spur, die er in die welt gedr├╝ckt hat.3 _ tanz ist z├Ąhmung der weibchen.4 _ ihr unterrock war rot und blau, sehr breit gestreift, und sah aus, als wenn er aus einem theatervorhang gemacht w├Ąre.2 _ ich zeichne eine gerade linie, und die ganze welt sagt, das ist eine krumme, ich zeichne noch eine.2 _ diese wird gewiss grade sein, und man sagt gar, o diese ist noch kr├╝mmer. was ist da zu tun?2 _ das beste ist, keine gerade linie mehr gezeichnet und daf├╝r anderer leute gerade linien betrachtet, oder selbst nachgedacht.2 _ ein gro├čer teil unserer ideen h├Ąngt von ihrer lage ab.2 _ warum liegen sie auf dem harten stein? kommen sie auf die matratze, ich r├╝cke ein st├╝ck zur seite.5 _ bedeutung ist immer auf der suche nach sich selbst.6 _ damit man sie finden kann, wenn man darnach fragt oder sie selbst gebrauchen will.2

    marc mer: THE URBAN APPLE-TREE SERIES ┬░ pollockdegas girl.car dance.things, literarische stadtrauminstallation, l├╝denscheid 2005 _ wilhelmstra├če | beate uhse _ corneliusstra├če | sparda-bank _ freiherr-vom-stein-stra├če | grabenstra├če | kulturhaus _ freiherr-vom-stein-stra├če | c&a parkplatz _ museen der stadt | freiherr-vom-stein-stra├če | paulinenstra├če _ museen der stadt | caf├ę | parkhaus einfahrt _  museen der stadt | parkhaus | hausmeister _ museen der stadt | parkhaus | osten _ museen der stadt | parkhaus | s├╝den _ karlstra├če | parkplatz | _ karlstra├če | knapperstra├če _ bahnhofsallee | bistro allee _ bahnhofsallee

    1 karl kraus: aphorismen | 2 georg christoph lichtenberg: sudelb├╝cher | 3 walter benjamin: gesammelte schriften | 4 jindrich styrsky: emilie kommt im traum zu mir | 5 italo calvino: abenteuer eines lesers | 6 charles simic: theologie der stra├čenecken

 

    “gefall ich ihnen denn nicht?” fragte die dame erstaunt.1 _ eine moral, welche aus der gelegenheit ein geheimnis gemacht hat, hat auch aus dem geheimnis eine gelegenheit gemacht.2 _ es gibt keinen ort, der eine gr├Â├čere ├Âffentlichkeit bedeutet, als ein lift, in dem man angesprochen wird.2 _ sie bei├čt sich heftig auf die unterlippe, um nicht zu schreien, w├Ąhrend das streicheln pr├Ąziser wird, dringlicher.3 _ “wissen sie eigentlich, dass sie sehr sch├Ân  sind?” - “woher wollen sie das denn wissen?” fragte die dame ...1 _ erotik ist immer ein wiedersehen. sie zieht es sogar der ersten begegnung vor.2 _ aber was tut man, wenn eine dame pl├Âtzlich unsichtbar wird? die herren h├Ątten gerne etwas getan. das sah man ihnen an.1 _ nachahmen ist das sicherste, wenn man verfehlen will, was man nachahmt.4 _ nicht die geliebte, die entfernt ist, sondern entfernung ist die geliebte.2 _ sobald die t├╝re wieder so weit zu ist wie vorher, ist der ort v├Âllig dunkel.3 _ es scheint, dass der brave, praktische wirklichkeitsmensch die wirklichkeit nirgends restlos liebt und ernst nimmt.5 _ die h├Ąuser schwimmen in schlafzimmern, die schlafzimmer in w├Ąscheschr├Ąnken und alles in vollem licht.6 _ ich fliehe in die isolierzelle, um zu telephonieren. hier bin ich einsam und empfange die ger├Ąusche der ganzen stadt.2 _ der b├╝rger duldet nichts unverst├Ąndliches im haus.2 - sie tritt einen schritt zur seite und sieht wieder unten an der tiefen treppe die kleinen aufgeregten, immer zahlreicher werdenden m├Ąnner ...3     

    marc mer: gebrauchsanweisung f├╝r orte [user's manual], literarische stadtrauminstallation, bochum 2002 _ marienkirche | marienplatz _ viktoriastra├če | marienkirche _ u engelbertbrunnen | caf├ę konkret _ kortumstra├če | hl deutscher supermarkt _ rechener stra├če _ u hauptbahnhof | huestra├če _ hauptbahnhof | s├╝dring _ goethestra├če | museum _ u planetarium | klinikstra├če _ planetarium | castroper stra├če _ gro├če beckstra├če | st. peter und paul _ br├╝ckstra├če | parkhaus _  ostring | serra terminal _ k├Ânigsallee | schauspielhaus kammerspiele | speisekammer

    1 christina von braun: es schwindelt der dame oder es schwindelt die dame | 2 karl kraus: aphorismen | 3 alain robbe-grillet: die blaue villa in hongkong | 4 erhart k├Ąstner: aufstand der dinge | 5 robert musil: der mann ohne eigenschaften | 6 jindrich styrsky: emilie kommt im traum zu mir

 

    der raum hat keine ausdehnung, nur die r├Ąumlichen gegenst├Ąnde sind ausgedehnt, aber die unendlichkeit ist eine eigenschaft des raumes.1 _ irgendwo hinter dem geb├╝sch wartet eine frau auf dich, die aus rohem fleisch modelliert ist. wirst du sie mit eis f├╝ttern?2 _ die moral ist ein einbruchswerkzeug, welches den vorzug hat, dass es nie am tatort zur├╝ckgelassen wird.3 _ darauf fragt sie mich, ob es bereits nacht sei. ich antworte ihr, dass es schon lange nacht ist.4 _ wie w├Ąre es, wenn ich zwei k├Ârper h├Ątte, das hei├čt, wenn mein k├Ârper aus zwei getrennten leibern best├╝nde?1 _ will das anst├Ąndige leben die roheit? bedarf das friedliche der grausamkeit? verlangt die ordnung nach zerrissenwerden?5 _ “bitte, bitte,” sagte die dame, schloss die augen und legte den kopf nach hinten. alle richteten ihre photoapparate auf sie.6 _ “du wirst gl├╝cklich sein, du wirst dich immer wiederholen,” sagte jemand, der vorbeiging, und f├╝gte hinzu, “deine frau geb├Ąrt dir gerade einen sohn.”2 _ die dame holte eine blassrosafarbene haut aus der t├╝te und zog sie ├╝ber. als sie mit dem umziehen fertig war, sah sie ziemlich entkleidet aus.6 _ nicht die geliebte, die entfernt ist, sondern entfernung ist die geliebte.3 _ ich habe es mit eigenen augen gesehen. eine dame l├Âste sich in luft auf. einfach so. und mehrere herren sahen zu.6

    marc mer: come to be [sightseeing talks], literarische stadtrauminstallation, kassel 2000 _ steinweg | fridericianum _ tr├Ąnkepforte | markthalle _ an der garnisonskirche _ die freiheit _ platz der deutschen einheit _ bahnhofsplatz | hilpertstra├če _ obere k├Ânigsstra├če _ weinbergstra├če | murhardsche bibliothek _ br├╝der-grimm-platz | landesgericht _ friedrich-ebert-stra├če _ bahnhof wilhelmsh├Âhe

    1 ludwig wittgenstein: philosophische bemerkungen | 2 jindrich styrsky: emilie kommt im traum zu mir | 3 karl kraus: aphorismen | 4 alain robbe-grillet: die blaue villa in hongkong | 5 robert musil: der mann ohne eigenschaften | 6 christina von braun: es schwindelt der dame oder es schwindelt die dame

 

    ein fenster ├Âffnet sich, aber die eigenschaft eines fensters, n├Ąmlich, etwas von draussen herein zu lassen, gilt nicht mehr.1 _ das sch├Ânste an meinem bau aber ist seine stille. freilich, sie ist tr├╝gerisch. pl├Âtzlich einmal kann sie ...2 _ und in der luft lag das schweigen eines punktes, der an der richtigen stelle hinter einen satz gesetzt worden ist.3 _ die ├╝bersch├Ątzung der frage, wo man sich befinde, stammt aus der hordenzeit, wo man sich die futterpl├Ątze merken musste.3 _ sie hatte den hut abgenommen und den mantel zur├╝ckgeschlagen, ihre stirn und die warmen spitzen ihrer br├╝ste ber├╝hrten die kalten fensterscheiben ...3 _ welche linie scheidet das drinnen vom drau├čen, das rattern der r├Ąder vom geheul der w├Âlfe?4 _ ich sah, wie ihr geschlecht, immerfort wachsend, aus dem bett auf den boden hinabfloss und wie lava mein zimmer auszuf├╝llen begann. _ ich sprang auf und rannte wie ein verr├╝ckter aus dem haus. inmitten eines menschenleeren platzes blieb ich stehen. _ in dem augenblick, als ich zur├╝cksah, quoll marthas geschlecht aus meinem fenster heraus, einer monumentalen, unnat├╝rlich bunten tr├Ąne ├Ąhnelnd.5 _ das alter schmust gerne mit der zeit. die moral schl├Ąft nur sicher in der umarmung der lust.5 _ “ist ihnen noch nicht aufgefallen,” sagte er, “dass heutzutage merkw├╝rdig viel menschen auf der stra├če mit sich selbst reden?” _ “etwas stimmt mit ihnen nicht. sie k├Ânnen offenbar ihre erlebnisse nicht ganz erleben oder in sich einleben und m├╝ssen reste davon abgeben.”3 _ so dass es gerade nur noch die kaufl├Ąden gibt, wo man ohne weltanschauung etwas bekommt, ...3 _ man muss sich wieder der unwirklichkeit bem├Ąchtigen; die wirklichkeit hat keinen sinn mehr!3

    marc mer: local talks [ortsgespr├Ąche], literarische stadtrauminstallation, k├Âln 1999 _ auf dem berlich | baustellenzaun wdr _ breitestra├če | gertrudenstra├če _ albertusstra├če | buchhandlung walther k├Ânig _ ehrenstra├če | alte wallgasse _ friesenwall 102 | hutladen _ am k├╝mpchenshof | hansaring _ aachener stra├če | moltkestra├če _ offenbachplatz | schauspielhaus _ br├╝ckenstra├če | st. kolumba _ wallrafplatz | galerie greve _ roncalliplatz | dom

    1 erhart k├Ąstner: aufstand der dinge | 2 franz kafka: der bau | 3 robert musil: der mann ohne eigenschaften | 4 italo calvino: die unsichtbaren st├Ądte | 5 jindrich styrsky: emilie kommt im traum zu mir

© marc mer | vg bild-kunst, bonn | vg wort, m├╝nchen

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